Der Traum vom Abenteuer Ausland ist heutzutage keine Seltenheit mehr. Ganz im Gegenteil. Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene nutzen die Möglichkeit, eine Zeit ihres Lebens im Ausland zu verbringen. Im Vergleich zum Rest des Lebens scheint ein halbes oder auch ein ganzes Jahr eine ziemlich kurze Zeitspanne zu sein. Doch trotzdem kann sich in diesen Monaten vieles verändern.

Abgesehen von den Dingen um einen herum, die sich zwangsweise alle verändern, passiert auch etwas in einem selbst.
Ich war neun Monate als Au Pair in Norwegen. Um zu erklären, inwiefern ich mich selbst verändert habe, muss ich zunächst etwas zu meiner eigenen Person sagen, wie ich mich vor dem Auslandsjahr selbst definiert hätte. Ich versuche mal, mich mit einigen Adjektiven zu beschreiben: herzlich, offen, freundlich, friedliebend, geduldig, optimistisch, ordentlich, lustig, organisiert, engagiert, belastbar, aber auch tollpatschig, manchmal zu organisiert, vorsichtig, verletzlich und – dafür finde ich jetzt kein Adjektiv – ich nehme mir vieles leicht zu Herzen.

 

Veränderungen

Mit vielen dieser Aussagen kann ich mich heute immer noch identifizieren. Andere würde ich inzwischen weniger mit mir in Verbindung bringen.
Ich bin ein Ordnung liebender Mensch. In einer Gastfamilie auf einer Farm mit Kühen, Hühnern, zwei Hunden und drei Kindern ist das allerdings nicht immer der Fall. Natürlich ist es eine Erleichterung und Hilfe für meine Gasteltern gewesen, wenn ich so oft wie möglich das Haus aufgeräumt habe, aber irgendwann musste ich einsehen, dass mit Kindern nicht alles immer perfekt aussehen muss und dass man sich selbst zu sehr stresst, wenn man den Ehrgeiz hat, alles sofort wegzuräumen. Man kann es auch übertreiben mit einem Ordnungswahn.
Ähnliches gilt auch für meinen Hang, alles organisieren zu wollen. Ich habe meine Gastmutter oft gefragt, wer/ wann/ wie/ wo etwas stattfindet oder jemand irgendwohin muss. Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass meine Gastmutter sich weniger gerne auf irgendetwas festlegt, sondern stattdessen lieber spontan schaut, wie sich die Sachen ergeben. Für mich stand zuvor immer fest: Wenn ich alles organisiert habe, ist alles danach stressfreier und ich muss mir keine Gedanken mehr machen. Doch ich habe gelernt, dass ein Ausgleich dazu auch mal ganz gut tun kann, wenn nicht alles durchgeplant ist.
Ich habe mich immer für sehr belastbar und geduldig gehalten. Wenn man den Traum vom Ausland hat, denkt man oft nur an die ganzen schönen Erlebnisse, die man sich erträumt. Aber es ist nicht immer alles Friede Freude Eierkuchen und wenn man plötzlich eine ganze Familie schmeißt, kann es schon mal drunter und drüber gehen. Das ist nichts Schlimmes, sondern einfach natürlich. Solche Erfahrungen prägen auch und haben mir gezeigt, wo meine Grenzen sind. Das zu wissen ist wertvoll und ich kann mich jetzt besser einschätzen im Umgang mit anderen Menschen.
Eine weitere Sache hat sich auf jeden Fall auch verändert. Ich war immer ein sehr vorsichtiger Mensch. Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen oder jemanden zu verletzen. Deswegen wollte ich mich immer absichern und habe immer Rückfragen gestellt. Dabei habe ich nicht gemerkt, wie sehr ich mein Gegenüber belastet habe. Während meines Auslandsjahres war das vor allem meine Gastmutter. Zum Glück ist sie ein sehr ehrlicher Mensch und hat mir irgendwann zu verstehen gegeben, dass ich im Stande sei, selbst Dinge zu entscheiden und nicht immer nachfragen müsse. Das ist mir nicht leicht gefallen, aber ich habe versucht, mich bewusst zu verändern. Mich bewusst verändert habe ich mich auch, indem ich mir Mühe gegeben habe, mir nicht alles zu Herzen zu nehmen. Das gelingt mir bis heute nicht immer, aber das ist nicht schlimm, denn es verlangt niemand von mir, perfekt zu sein.

Solche Veränderungen könnte ich jetzt bestimmt noch für mehr Eigenschaften ausführen, aber das würde vermutlich den Rahmen dieses Artikels sprengen. Außerdem gibt es noch natürlich noch viele Eigenschaften, die mich nach wie vorher charakterisieren. Ich bin schließlich nicht als vollkommen anderer Mensch zurückgekommen.

Learning by doing

Abgesehen von den Charaktereigenschaften haben sich bei mir auch ganz simple Dinge verändert. Zum Beispiel meine Fähigkeiten im Haushalt. Während ich vorher gerade Pfannkuchen machen und staubsaugen konnte, habe ich neun Monate lang fast den ganzen Haushalt geschmissen.
Ein weiterer Beweis für „Learning by doing“. Ich war zuvor sehr penibel, was Essen anging. Nur ausgewählte Sachen, Soßen nur gesiebt, Gemüse nur roh, wenn überhaupt. In Norwegen habe ich versprochen, alles zu probieren. Ich habe einfach alles gegessen, was es gab und heute schmeckt mir fast alles. Ich bin jetzt Vegetarierin. Meine Gasteltern haben selbst gejagt und das hatte ganz schön Wirkung auf mich.
Nach sechs Monaten Winter weiß ich, wie sehr man die Sonne vermissen kann. Ich habe vieles mehr zu schätzen gelernt, als es mir vorher bewusst war. Meine Reiselust wurde geweckt, ich habe eine neue Sprache gelernt und bin motiviert, weitere zu lernen, ich habe ein zweites Zuhause gefunden und schließlich ein Teil meines Herzens in Norwegen gelassen.


Veränderungen als Prozess

Ich hatte zwischenzeitlich in Norwegen tatsächlich Angst, dass ich mich zu sehr verändere. Veränderungen sind Teil unseres Lebens. Ich hätte mich wohl auch verändert, wenn ich in Deutschland geblieben wäre, aber dann halt anders oder einfach weniger. Ich bin der festen Überzeugung, dass alles gut ist so wie es jetzt und ich kann mir meine Erlebnisse und Erfahrungen aus dieser Zeit nicht mehr weg denken. Ich finde nur, man muss sich immer vor Augen halten, dass - nur weil das Jahr vorbei ist – die Veränderungen nicht abgeschlossen sind. Es war, ist und bleibt ein Prozess über das ganze Leben hinweg, der nicht irgendwann plötzlich aufhört.

 

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